Heinz Lotz
Landtagsabgeordneter

Das Interview zur Wahl

DER ALTE HASE WILL'S WIEDER WISSEN

 

Familienmensch, Schornsteinfeger, Sozialdemokrat, Landtagsabgeordneter. Nach der Nominierung von Heinz Lotz (59) schrieben einige Zeitungen: „Der alte Hase will‘s wieder wissen“. Sein klares Ziel bei dieser Landtagswahl ist das Direktmandat für den Hessischen Landtag. Seine Chancen stehen besser denn je. Seiner Meinung nach verdienen die Hessen eine bessere Regierung. Es geht darum, Arbeits- und Ausbildungsverhältnisse zu verbessern, allen Kindern gleiche Chancen auf Bildung zu ermöglichen und für gleichwertige Lebensbedingungen zu sorgen. Er möchte aber auch für Chancengleichheit zwischen den Großstädten und den eher ländlich geprägten Städten und Gemeinden des Wahlkreises Gelnhausen/Schlüchtern sorgen. Ein besonderes Markenzeichen von ihm ist es, dass er auch als Landtagsabgeordneter der ganz normale Mensch namens Heinz Lotz geblieben ist.

Sind Sie ein untypischer Landtagsabgeordneter?

(lacht) Womöglich. Bevor ich 2008 Landtagsabgeordneter wurde, habe ich fast vierzig Jahre lang als Handwerker gearbeitet. Damit bin ich im Landtag schon so etwas wie ein Exot. Wenn ich aber an meine berufliche Ausbildung denke, dann kann ich nur sagen, dass die Zeiten damals einfach anders waren. Für mich kam mit 14 Jahren kein anderer Beruf als Schornsteinfeger infrage. Wissen Sie, dass rund 140.000 Menschen unter 27 Jahren aktuell in Hessen ohne Ausbildung dastehen? Wir haben die Verantwortung, jedem zumindest die Chance auf einen beruflichen Abschluss zu bieten. Ein besonderes Augenmerk muss auf die unterschiedlichen Lebenslagen, Wünsche und Qualifikationen der jungen Menschen liegen. In Hessen entscheidet noch immer viel zu sehr die soziale Herkunft über das, was man wird. Zudem müssen die Betriebe unterstützt werden, um Ausbildungsplätze anbieten zu können. Deshalb bin ich ein großer Fan von dem Konzept einer Ausbildungsgarantie.

Aber besonders in ländlichen Regionen wie dem Main-Kinzig-Kreis wird es in Zukunft vermehrt zu einem Mangel an Fachkräften kommen.

Deshalb müssen wir unsere Leute vor Ort bestmöglich ausbilden, um diesem Mangel vorzubeugen. Für mich war die Ausbildungssituation vor über 40 Jahren einfacher. Fast genauso lang bin ich übrigens in der Politik tätig. Damit bin ich guter Gesellschaft, denn viele Menschen sind in dieser Zeit wegen Willy Brandt in die SPD eingetreten. Ein weiterer Unterschied ist vielleicht mein Wohnort. Geboren wurde ich 1954 in Marjoß und dort lebe ich mit meiner Familie noch immer. Es heißt ja, dass Menschen vom Land wahre Globetrotter werden. Die meisten jungen Leute, die man durch die Welt mit Rücksäcken reisen sieht, kommen vom Dorf. Übrigens gilt das auch für Dax-Vorstände – nur so nebenbei. Ich wollte niemals woanders leben, als in meinem Heimatort. Danach musste sich auch meine berufliche Karriere richten und nicht umgekehrt. Wenn mich mein Leben eines gelehrt hat, dann doch, dass wir alle nur mit Wasser kochen und sich niemand für etwas Besseres halten sollte. Wenn mich das untypisch macht, dann gerne!

Der Wahlspruch der SPD Hessen lautet „Gerechtigkeit macht stark.“ Macht Gerechtigkeit wirklich stark?

Das ist der Knackpunkt schlechthin. Schauen Sie mich an: Ich bin Landtagsabgeordneter ohne Studium. Auf einer Veranstaltung sagte kürzlich eine Frau zu mir, dass sie ganz verwundert sei, weil ich gar nicht so sei, wie sie sich einen Politiker vorstelle. Landtagsabgeordneter ist mein Traumberuf. Das ist kein Geheimnis. Dafür habe ich hart gearbeitet und einige Wahlen hinter mich gebracht. Seinen Traumberuf zu erarbeite ist in Hessen aber leider nicht mehr überall möglich. Das liegt daran, dass die CDU/FDP-Landesregierung die Ellenbogenmentalität zum Normalfall erklärt hat. Wir brauchen dringend eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Jeder sollte wie ich die Möglichkeit erhalten, das Beste aus seinem Leben machen zu können. Genau dafür braucht es gerechte Lebensbedingungen für jeden. Es geht darum, Arbeits- und Ausbildungsbedingungen zu verbessern, allen Kindern die gleichen Chancen auf Bildung zu ermöglichen und für gleichwertige Lebensbedingungen zu sorgen. Die Liste ist lang.

Wie wollen Sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken?

Mit Respekt. Egal, ob es der Respekt gegenüber den Schülerinnen und Schülern ist, die ihre Zukunft noch vor sich haben oder gegenüber den Menschen, die mit harter Arbeit sich und ihre Familien ernähren. Dazu gehört auch, dass sichere und faire Arbeitsverhältnisse geschaffen werden. Niedriglöhne, Befristungen, Leiharbeit und Stress dürfen den Arbeitsalltag nicht weiter bestimmten. Es braucht klare Regeln, damit es nicht länger Beschäftigte 1. und 2. Klasse gibt. Wir müssen aber auch über Respekt im Alltag reden. Mir wurde ein paar Mal vorgeworfen, ich sei für Politik zu alt.

Glücklicherweise kommen solche Kommentare von nicht ernst zu nehmenden Einzelfällen.

Ja, aber gilt das auch für den Fabrikarbeiter, der mit Ende 50 seinen Job verliert? Ich bin 59 Jahre alt und sicher, dass mir meine Erfahrungen in meinem Job nützlich sind. Und Arbeitnehmer, die mit 59 Jahren plötzlich auf der Straße steht? Was ist mit denen? Oder Mütter, die nach der Elternzeit zurück in den Beruf wollen, aber ungleich schlechtere Chancen erhalten. Es kann nicht sein, dass wir diese Top-Leute, wenn sie Glück haben, mit 400 Euro-Jobs abspeisen. Wir müssen aktiv gegen Altersarmut vorgehen. Dazu gehört auch ein gesetzlicher Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro. Das Gesamtpaket ist dann der gesellschaftliche Zusammenhalt. Deshalb ist das Engagement von Thorsten Schäfer-Gümbel auch so wichtig. Auf diesen Aspekt stützt er seine Politik. Wie man Zusammenhalt erzeugt, hat er an einem fast unmöglichen Beispiel klar gemacht: bei der eigenen SPD-Landtagsfraktion. Die letzten Landtagswahlen waren eine Katastrophe für die SPD. Und da kommt Thorsten Schäfer-Gümbel und macht aus einer geschwächten Landtagsfraktion ein starkes Team. Das konnte er nur deshalb schaffen, weil er jeden einzelnen Abgeordneten seinen vollsten Respekt entgegen gebracht hat. Das schätze ich an ihm. Das ist seine Politik - eine gute und faire Politik.

Gibt es Ereignisse in ihrer Politik, die besonders waren?

Ich bin immer wieder überrascht, wie viel man als normaler Landtagsabgeordneter bewegen kann. Ein kleines Beispiel: Eines Abends sitze ich Zuhause mit meiner Frau Ingrid auf dem Sofa und schaue die Sendung Kontraste. Dort war ein Bericht über das sogenannte Fracking. Das ist eine Methode zur Erdgasförderung.

Dabei werden in Gesteinsschichten tief unter der Erde Chemikalien gepresst, um Risse zu erzeugen, durch die das Erdgas leichter fließen kann.

Fracking birgt unkalkulierbare Risiken und muss dringend verhindert werden. Hier ist ganz konkret das Trinkwasser in Gefahr. Das hat mich so aufgeregt, dass ich am nächsten Tag eine kleine Anfrage an das Umweltministerium gerichtet habe. Die Landesregierung ist verpflichtet, Landtagsabgeordneten innerhalb von sechs Wochen ihre kleinen Anfragen zu beantworten. Innerhalb der letzten vier Jahre habe ich dutzende Anfragen auf die Regierung losgelassen. In dieser fragte ich, ob Fracking auch in Hessen geplant sei. Und Bingo: in Nordhessen seien Fracking-Erkundungsanträge gestellt worden. Das gab ein riesen Theater im Norden und hat eine großen Bevölkerungsprotest gegen das Fracking ausgelöst. Ohne meine kleine Anfrage, wäre die Fracking-Anlage still und heimlich gebaut worden. Das macht mich schon ein bisschen stolz, dass man so seinen Teil beitragen kann.

Und all‘ das, weil Sie mit Ihrer Frau auf dem Sofa das richtige im TV gesehen haben…

(lacht) … sie wären überrascht, wo so manchen Politikern die besten Ideen kommen…

 

Hilft es ihnen, im ländlichen Raum zu leben und nicht in der Großstadt?

Lassen Sie es mich so sagen: ich habe vielleicht aus meinem Dorf heraus einen anderen Blickwinkel. Zur Kommunalwahl 2011 habe ich gemeinsam mit einem guten Team die Kampagne „Kommunal ist nicht egal“ erfunden.

Das sorgte damals für bundesweites Aufsehen und die Kampagne hat einige namhafte Preise dafür gewonnen.

Die Grundidee dahinter ist einfach: Nicht Bundes- oder Landtagswahlen, sondern die Wahlen in den Städten und Gemeinden sind die wichtigsten aller Wahlen. Denn hier wird entschieden, wie das Leben vor Ort aussieht. Nicht der Ministerpräsident oder die Bundeskanzlerin leeren meine Mülltonnen in Marjoß, sondern die Kommune. Was mich jedoch beunruhigt ist, dass diese Landesregierung mehr und mehr den Überblick über das große Ganze verliert. Das sieht man an den Kürzungen im Kommunalen Finanzausgleich. Alles ist irgendwie miteinander verzahnt. Das zeigt sich auch dort, wo ein Dorfladen schließt: Damit Menschen sich ansiedeln, brauchen sie neben einem Dach über dem Kopf auch einen Laden. Der Ladenbesitzer braucht Kunden, im Idealfall Kunden mit Geld. Dafür braucht man Arbeitsplätze. Entweder direkt im Ort oder in der Umgebung. Deshalb sollten die Straßen in einem guten Zustand sein, damit Geld erarbeitet werden kann. Und natürlich, damit es die Kindergärtnerin oder die Müllabfuhr in den Ort schafft. Aber nicht nur die echten Straßen, sondern auch die Straßen des Internets sollten in einem guten Zustand sein. Nicht nur für die Unternehmen, sondern auch zur Freude. Denn ohne Freude macht das Leben keinen Spaß und dann gehe ich doch lieber dahin, wo ich mich wohlfühle. Zum Wohlbefinden gehört auch ein Arzt in die Nähe. Und spätestens hier haben wir eine erste, ernstzunehmende Hürde, die mit Geld alleine nicht mehr überwindbar ist: der Hausärztemangel.

Aber die Landesregierung hat doch ein Programm aufgelegt…

… und dabei das große Ganze aus den Augen verloren. In den kommenden acht Jahren können bundeweit 80 Prozent der frei werdenden Hausarztsitze nicht nachbesetzt werden. Das ist die Realität. Und woran liegt das? Bereits 2010 habe ich eine schriftliche Anfrage an die Landesregierung gestellt. Ich fragte darin, wie es mit der ärztlichen Versorgung im Main-Kinzig-Kreis bestellt ist. Über 20 % der rund 250 Hausärzte im Kreis sind über 60 Jahre alt. Laut einer Studie der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung sind bundesweit sogar 50 % der Hausärzte über 55 Jahre alt und gehen bis 2020 in den wohlverdienten Ruhestand. Wir Menschen des ländlichen Raums müssen zudem die bittere Pille schlucken, dass kaum noch junge Ärzte auf dem Land leben und arbeiten wollen.

Aber hatten Sie nicht junge Mediziner angeschrieben?

2008 habe ich einen Brief an alle medizinische Universitäten, Verbände und Fachzeitschriften geschrieben. Ich wollte mit meinem Schreiben vor allem die Nachwuchs-Ärzte ansprechen, um für ein Leben in unserer Region zu werben. Der Main-Kinzig-Kreis bietet gute Perspektiven. Neben seinem gesunden und natürlichen Landschaftbild und seiner Familienfreundlichkeit verfügt er auch über eine ideale und moderne Infrastruktur für weit über 400.000 Menschen. Nicht umsonst nehmen so viele von uns täglich eine lange Fahrt zur Arbeit nach Frankfurt oder Fulda in Kauf, um im Gegenzug dafür hier leben zu können. Raten Sie einmal, wie viele Antworten ich auf mein Schreiben erhalten habe?

Woran liegt das?

Der MLP Gesundheitsreport 2011 besagt, das Geld bei den jungen Medizinern längst keine entscheidende Rolle mehr spielt. Also müssen wir den jungen Ärzten und ihren Familien sagen: „Wenn du das Risiko eingehst, bei uns eine Praxis zu eröffnen oder als Arzt tätig zu werden, bieten wir dir ein gutes Leben auf dem Land. Ein Leben mit frischer Luft, netten Nachbarn, einer guten Infrastruktur, schnellem Internet und einer sehr guten Versorgung für deine Kinder“. Was macht die Landesregierung? Sie legt ein Programm auf, dass keiner will und das am Ziel vorbei schießt.

Also müssen wir die Familien der Hausärzte überzeugen, auf’s Land zu ziehen?

Es gibt eine ganz einfache Formel: wenn es unseren Kindern gut geht, geht es unseren Familien gut und wenn es unseren Familien gut geht, dann geht es der Gesellschaft gut. Frühkindliche Betreuung, Erziehung und Bildung sind Schlüssel für das Lebensglück unserer Kleinsten. Das Glück unserer Kinder ist folglich eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.

Sie zählen auch zu den großen Kritikern des neuen Kinderförderungsgesetzes (KiföG). Warum?

Wie kann man vorhaben, die Qualität der Kinderbetreuung in Hessen derartig zu verschlechtern? Nicht nur, dass das Gesetz eine gute pädagogische Arbeit nahezu unmöglich macht! Die Förderung des Landes wird nicht mehr pro Gruppe, also 15 bis 25 über dreijährige Kinder, berechnet, sondern pro tatsächlich aufgenommen Kind. Wenn eine Gruppe nicht mehr mit der maximalen Größe von 25 Kindern ausgelastet ist, dann gibt’s weniger Geld vom Land Hessen. Sollen denn die Kinder wieder fortgeschickt werden, wenn eine Gruppe die 25 nicht voll bekommt? Da es aber offensichtlich momentan in Hessen modern ist, sämtliche staatliche Verantwortung in eine unternehmerische Schablone zu pressen, werden sich kleinere Kindergärten nicht mehr ausreichend Fachkräfte für alle Kinder leisten können. Spätestens ab der zweiten Gruppe. Nun mag der ein oder andere Schlaumeier von der FDP sich gezwungen fühlen, Sachen wie „dass man sich diesen finanziellen Tatsachen bitteschön stellen soll“, „das sich eine Gruppe mit weniger als 25 Kindern nicht trägt“ und „deshalb einem größeren Kindergarten zugeführt werden müsse, damit es alles wieder schön wirtschaftlich ist“ zu sagen. Das ist weder eine Politik für unsere Kinder, noch ist es in irgendeiner Weise unternehmerisches Denken. Jedes noch so kleine Unternehmen wird kaputt gehen, wenn es sich nicht gut um seinen Nachwuchs kümmert. Und außerdem ist ein Kindergartenkind keine Ware die Geld einbringt oder mit Geld messbar ist! Deshalb werden wir von der SPD nach der Landtagswahl dieses Gesetz wieder abschaffen. Basta.

Der Ausdruck „Basta“ erinnert irgendwie an Gerhard Schröder…

… der vor ein paar Monaten einen wichtigen Satz gesagt hat: „Die Politik wird den demografischen Wandel nicht überlisten können.“ Recht hat er, wobei mit der Begriff Bevölkerungsentwicklung lieber ist, als Demografischer Wandel. Nichts anderes heißt es. Wenn wir uns positiv für die Bevölkerungsentwicklung engagieren wollen, dann geht es nicht darum, krampfhaft das Heft des Handelns in der Hand behalten zu wollen. Wir Politiker müssen einsehen, dass wir das im Alleingang schlichtweg nicht schaffen. Der Begriff mit dem hässlichen Namen „demografischer Wandel“ ist und bleibt eine Gemeinschaftsaufgabe. Da sind wir auch wieder beim Thema Gerechtigkeit angekommen: Wir brauchen Gerechtigkeit beim Kindergarten, Schule, Ausbildung, Beruf, Familie. Aber auch Gerechtigkeit zwischen Stadt und Land. Die Liste ist lang. Viel Arbeit für uns Politiker…

… von denen Sie sagten, man solle sie nerven…

… und ich habe sogar eine Gebrauchsanweisung darfür herausgegeben! Mit meiner „Anleitung zum Politiker nerven“ gebe ich Tipps, wie man Politiker für ein Thema gewinnen kann. Das beginnt bereits bei der Kommunalpolitik im Main-Kinzig-Kreis. Sehen Sie sich nur die erfolgreichen Proteste gegen das Turbo-Abi an: Jeder kann etwas bewegen – wenn man weiß wie!



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